Römische Tetrarchie

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Die Römische Tetrarchie (von griechisch τετρα tetra vier und αρχη archä Herrschaft, Regierung) war ein Regierungssystem, das Kaiser Diokletian 293 im römischen Reich einführte. Ob diese Entscheidung längerfristig geplant war oder eher als spontane Reaktion auf eine aktuelle Krise getroffen wurde, ist in der althistorischen Forschung sehr umstritten.

Inhaltsverzeichnis

Begründung durch Diokletian

Porphyrstatue der römischen Tetrarchen in Venedig

Als Diokletian 284 Kaiser wurde, stand er vor der Aufgabe, das Römische Reich und sein Herrschaftssystem zu reformieren, um die Reichskrise des 3. Jahrhunderts zu überwinden. Seine Lehre aus der Krise war, dass ein so großes Reich wie das römische nicht von einem Kaiser allein regiert werden konnte. Im 3. Jahrhundert hatten sich immer wieder Usurpatoren erhoben, und zwar immer dort, wo der Kaiser gerade nicht war oder nicht sein konnte. So verlieh Diokletian im Jahr 286 Maximian den Titel Augustus und ernannte ihn so zu seinem Mitkaiser. Das Reich wurde in eine westliche und eine östliche Hälfte aufgeteilt. Einige Jahre später, 293, ernannte er zusätzlich zwei Caesares zu untergeordneten Mitkaisern; zunächst am 1. März Constantius I., dann, am 21. Mai 293, Galerius.[1]

Das von Diokletian erdachte System beruhte auf vier Herrschern im Kaiserrang: Jeweils einen Seniorkaiser (Augustus) im Westen (Residenzen waren hier Mailand und Aquileia) und im Osten (Residenz Nikomedia), der je einen Juniorkaiser (Caesar) adoptierte, welcher später sein Nachfolger werden sollte. Gesetze, die ein Augustus oder Caesar erließ, galten für das ganze Imperium. Das Mehrkaisersystem an sich stellte keine Neuerung dar (bereits in der Vergangenheit hatten Kaiser Mit-Kaiser ernannt), doch ernannte Diokletian keine Verwandten zu Kaisern im Kollegium. Er selbst war auch nur an auctoritas überlegen: Diokletian nahm als Beinamen den Götternamen Iovius an, sein Mit-Augustus Maximian den Namen Herculius. Damit war auch deutlich, dass Diokletian eine übergeordnete Stellung einnahm. Diese Position wurde auch während seiner Regierungszeit nie in Frage gestellt.

Das System bot einige Vorteile:

  • Auch bei mehreren gleichzeitigen Problemen an entfernten Orten konnte überall jemand im Kaiserrang nach dem Rechten sehen.
  • Dadurch, dass sich ein Caesar als Juniorkaiser einarbeiten konnte, gab es mehr Stabilität.
  • Wenn ein Augustus im Caesar einen designierten Nachfolger hatte, der bereits an der Macht war, brachte es für potentielle Usurpatoren keinen Vorteil, den Augustus zu ermorden.

Das System funktionierte in den ersten Jahren recht gut. Diokletian, als Augustus des Ostens, machte 293 Galerius zum Caesar. Maximian, der Augustus des Westens, adoptierte Constantius Chlorus. Die Arbeitsteilung bewährte sich: Diokletian kümmerte sich um die Aufstände in Ägypten, während Galerius die persische Grenze befriedete, Maximian die afrikanische Provinz sicherte und Constantius in Britannien für Ordnung sorgte und die Rheingrenze verteidigte.

Diokletians Rücktritt und die darauffolgende Krise

Die Tetrarchen – von einer anderen Seite

Diokletian plante seit längerem, als Augustus zurückzutreten, dies bezeugt der Bau seines als Altersruhesitz dienenden Palastes im heutigen Split. Auch gesundheitliche Gründe haben möglicherweise eine Rolle gespielt. Im auf Symmetrie angelegten System der Tetrarchie war es notwendig, dass auch Maximian zugunsten seines Caesars Constantius abdankte. Dies geschah in zwei Staatsakten in Nicomedia (wo sich Diokletian aufhielt) und in Mailand (Maximians Residenz) am 1. Mai 305. Maximian bestellte im Westen Constantius zum neuen ranghöheren Augustus und Severus zum Caesaren, im Osten wurden entsprechend Galerius zum Augustus und Maximinus Daia zum Caesaren ernannt. Diokletian und Maximian blieben als seniores Augusti quasi als emeritierte Kaiser im Hintergrund, ohne jedoch zu Privatleuten zu werden.

Unter Diokletian wurde eine Vielzahl von Reformen angestoßen, die weit in die Spätantike hineinwirkten. So wurden die Provinzeinteilung und das Militär reformiert. Um der Inflation zu begegnen, wurde die Politik der Münzverschlechterung früherer Kaiser beendet und außerdem ein Höchstpreisedikt erlassen. Schließlich ist noch eine umfassende Steuerreform zu nennen, die die für das Heer notwendigen Mittel sichern sollte. In den Jahren 303–305 kam es zu einer Christenverfolgung. Diese ist im Zusammenhang mit der religiösen Begründung der Tetrarchie (Diokletian betrachtete Jupiter, Maximian Hercules als seine Schutzgottheit) und mit der Abqualifizierung der traditionellen römischen Götter als Götzen durch die Christen zu sehen.

Die zweite Tetrarchie mit den Augusti Constantius und Galerius scheiterte daran, dass das dynastische Prinzip nicht vollständig ausgeschaltet werden konnte: Sowohl Maximian als auch Constantius hatten ehrgeizige Söhne, die für sich den Augustustitel beanspruchten. (Auch Maximian selbst wurde zwischenzeitlich wieder aktiv.) Als der Augustus Constantius Chlorus 306 starb, wurde sein Sohn Konstantin von den Truppen zum Augustus ausgerufen, gleichzeitig machte sich Maxentius, der Sohn Maximians, in Rom zum (nicht anerkannten) Augustus. In einer in Carnuntum im Jahre 308 einberufenen Konferenz gelang es Diokletian, das System der Tetrarchie für kurze Zeit zu stabilisieren. Galerius und Licinius wurden Augusti, Konstantin und Maximinus Daia erhielten den neuen Titel filii Augustorum (faktisch handelte es sich um Caesaren). In Rom selbst herrschte immer noch Maxentius.

Ende und Nachwirkung der tetrarchischen Ordnung

Nach dem Tod des Galerius 311 gab es noch vier Kaiser: Licinius, Konstantin, Maximinus Daia sowie immer noch Maxentius in Rom.[2] Licinius und Konstantin verbündeten sich und gingen gegen die beiden anderen vor.Licinius besiegte 313 Maximinus Daia, Konstantin 312 Maxentius (in der Schlacht an der Milvischen Brücke). Zwischen 322 und 324 kam es dann zum Kampf zwischen Konstantin und Licinius, und ab 324 war Konstantin Alleinherrscher.

Es hatte sich gezeigt, dass das dynastische Denken gerade beim Heer nicht verschwunden war. Die Soldaten hielten sich an ihre Feldherren bzw. an deren Verwandten (wie bei der Erhebung Konstantins zum Augustus nach dem Tod seines Vaters). 324 war das System der Tetrarchie gescheitert, was faktisch gleichbedeutend war mit der weitgehenden (aber nicht endgültigen) Durchsetzung des dynastischen Prinzips. Zugleich blieb Diokletians Vermächtnis aber teilweise bestehen, denn das Mehrkaisertum war auch fortan die Regel: Nach 284 sollte nur noch 324–337, 361–363 (Julian Apostata) und 394/95 (Theodosius I.) ein einziger Kaiser das Imperium regieren – und auch Theodosius hatte seine unmündigen Söhne bereits zu Mitherrschern erhoben. Selbst Konstantin scheint gegen Ende seines Lebens eine neue Tetrarchie geplant zu haben, die aber aus seinen natürlichen Verwandten bestehen sollte: Neben seinen drei Söhnen sollte auch ein Neffe an der Macht beteiligt werden.[3] Und anscheinend hegte noch ganz am Ende der Spätantike Kaiser Maurikios entsprechende Pläne, als er 597 testamentarisch festlegte, die Herrschaft auf seine vier Söhne zu verteilen.

Darstellung der Tetrarchen

Die Porphyrgruppe von San Marco in Venedig zeigt die Tetrarchen miteinander vereint, denn jeweils zwei der Kaiser sind mit einer engen Umarmung zu einem Paar verbunden. Ihr äußeres Erscheinungsbild deckt sich fast exakt, wodurch eine Benennung der Personen mit Hilfe ihrer Porträts unmöglich ist. Alle Figuren sind gleich groß, tragen eine gleich ausgearbeitete Schutzpanzerung und einen schweren Mantel. Sie sind mit einem Schwert bewaffnet und ihr Haupt wird von flachen Kappen bedeckt. Die Herrscher sind ohne individuelle Züge ihrer Persönlichkeit dargestellt, ihre Bildnisse, ganz im Sinne ihrer gleichberechtigten Regentschaft, beinahe einheitlich ausgearbeitet.

Die Kaiserpaare sind so angeordnet, dass jeweils ein bärtiger einem unbärtigen Mann gegenübersteht. Gesichtszüge, welche die Tetrarchen auszeichnen, sind ihr massiger, blockhafter Kopf, die großen leeren Augen, ihre kurze Nase, die leicht herabgezogenen Mundwinkel sowie die Rahmung des Gesichtes durch eine scharf verlaufende Haarlinie. Das Haar ist schematisch durch eingemeißelte Punkte oder Striche angegeben. Ein markantes Merkmal sind ihre stark zusammengezogenen Augenbrauen, wodurch den Bildnissen ein drohender Ausdruck eignet, wie dies fallweise auch bei den Soldatenkaisern der Fall ist. Stark ausgeprägte Stirnfalten (trux frons), die sich bis zu den Brauen fortsetzen, sind für Galerius kennzeichnend. Kraft und ein Furcht erregender Eindruck, dem eine apotropäische Wirkung zugeschrieben wurde, sollte durch das Kaiserbildnis vermittelt werden.

Anfangs neigte man dazu, in jedem Paar einen Augustus und einen Caesar zu sehen, mittlerweile gilt jedoch als erwiesen, dass jeweils zwei Augusti und zwei Caesares gemeinsam dargestellt sind. Rollt man die Eckgruppe in eine Gerade auf, so stellen die beiden Kaiser auf der linken Seite die Caesares, die rechts die Augusti dar. Grundsätzlich stimmen alle vier Bildnisse in ihren Gesichtsformen überein, eine Abweichung bildet lediglich die Angabe eines Bartes bei zweien sowie die besonders strenge Miene des links stehenden Caesars. Aufgrund dieser ausgeprägten Stirnzeichnung wird angenommen, dass es sich bei dieser Figur um Galerius handelt, der auch in anderen Porträts in diesem Typus erscheint. Seine Mitregenten wären demnach an sein individuelles Bildnis angepasst worden. Die Benennung der Tetrarchen der Porphyrgruppe von links nach rechts wäre somit folgende: die Caesares Galerius und Constantius, sodann die Augusti Diokletian und Maximian.

Als weitere Denkmäler, auf denen Tetrarchen erscheinen, seien die Porphyrgruppe im Vatikan, der Galeriusbogen von Thessaloniki und der Konstantinsbogen zu nennen.

Kaiser der Tetrarchie

Name

Caesartitel

Augustustitel

Diokletian

284–305 (zunächst Gesamtreich, seit 286 Osten)

Maximian

285–286 (Westen)

286–305, beansprucht 307–308 und 310 (jeweils Westen)

Galerius

293–305 (Osten)

305–311 (Osten)

Constantius I.

293–305 (Westen)

305–306 (Westen)

Severus

305–306 (Westen)

306–307 (Westen)

Maximinus Daia

305–310 (Osten)

seit 308 beansprucht, 310–313 (jeweils Osten)

Konstantin I.

306–310 (Westen)

seit 306 beansprucht, 310–337 (zunächst Westen, seit 324 Gesamtreich)

Maxentius

seit 306 beansprucht

seit 307 beansprucht, 311–312 (Westen)

Licinius

308–311 (Westen), 311–324 (Osten)

Literatur

  • Dietrich Boschung, Werner Eck (Hgg.): Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation. Reichert, Wiesbaden 2006.
  • Alexander Demandt, Andreas Goltz, Heinrich Schlange-Schöningen (Hgg.): Diokletian und die Tetrarchie: Aspekte einer Zeitenwende. de Gruyter, Berlin u.a. 2004.
  • Frank Kolb: Diokletian und die erste Tetrarchie. Improvisation oder Experiment in monarchischer Herrschaft?. Berlin 1987.
  • Wolfgang Kuhoff: Diokletian und die Epoche der Tetrarchie. Das römische Reich zwischen Krisenbewältigung und Neuaufbau (284–313 n. Chr.). Lang, Frankfurt a. M. 2001.

Anmerkungen

  1. Dass Constantius vor Galerius Caesar wurde, hat W. Seston, Dioclétien et la Tétrarchie I, Paris 1946, entgegen der vorherigen communis opinio (v. a. vertreten von Otto Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt, Band 1, Stuttgart 1921) überzeugend dargelegt. Vgl. dazu auch Ingemar König, Die Berufung des Constantius Chlorus und des Galerius zu Caesaren. Gedanken zur Entstehung der Ersten Tetrarchie, in: Chiron 4, 1976, S. 567–576.
  2. Eventuell gehörte auch Candidianus kurzzeitig dem Herrscherkollegium an.
  3. Vgl. dazu Heinrich Chantraine, Die Nachfolgeordnung Constantins des Großen, Steiner, Stuttgart 1992.

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